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Der Bildungsblog

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Mai
26
2010
"Family jump" by Evil Erinfamily "Family jump" by Evil Erin

Kinder und Bildung – Luxus, auf den Deutschland verzichten kann?

Verfolgt man das politische Tagesgeschehen in den Zeitungen und Blogs, so packt einen als Elternteil und Pädagoge nicht selten die Wut.

Erst vor Kurzem verkündeten Koch und Seehofer ihre völlig fehlgeleiteten Sparabsichten im Bildungsbereich. Koch, der wenig später völlig zurecht öffentlich eingestand, Politik sei nicht sein Leben, und seinen Rücktritt aus dieser in Aussicht stellte, ist in der Privatwirtschaft wahrlich besser aufgehoben.

Herr Seehofer aber, der gerade Rentner von Einsparungen verschonen möchte, hatte keine Probleme damit, die geplante Bafög-Erhöhung im Bundesrat in Initiative mit Herrn Koch zu blockieren. Sehr absurd klingt seine Begründung in der “Bild”:

Diese Generation hat viel geleistet. Sie muss bereits Nullrunden verkraften. Deshalb dürfen wir den Rentnern keine zusätzlichen Sparopfer abverlangen.

Die Leistung der Nachkriegsgenerationen will ich gar nicht in Frage stellen – ihnen gebührt Anerkennung und Dank. Auch eine Einsparung bei den Renten halte ich für falsch. Absurd finde ich jedoch, wie die jüngere Generation wieder einmal gegen die ältere ausgespielt wird.

Tatsache ist doch, dass die heutigen und baldigen Rentnergenerationen wie kaum eine Generation vor oder nach ihnen in wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit lebten. Natürlich lebten sie mit den Nachkriegsfolgen, z.B. der materiellen Unsicherheit in Trümmerdeutschland, oder auch den Gefahren des Kalten Krieges, und natürlich geht ein Großteil der Sicherheit gerade in wirtschaftlicher Hinsicht auf ihre eigene Leistung zurück (allen voran die Leistung derer, die das Wirtschaftswunder Deutschland aufgebaut haben). Das kann, darf und soll nicht geleugnet werden. Aber Tatsache ist auch, dass eben jene Generationen Nutznießer ihrer eigenen wirtschaftlichen Prosperität waren – und sich im Glauben an das immerwährende Anhalten dieser politische Versäumnisse zu Schulden haben kommen lassen.

Anders ist nicht zu erklären, weshalb Deutschland vor einem so immensen Generationenproblem steht. Und damit ist nicht gemeint, dass beide Generationen nichts miteinander zu tun haben wollen, wie es in den Medien oft vermittelt wird. Im Gegenteil: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten steigt gerade die Besinnung auf das Familienleben, auf die Wertschätzung des generationenübergreifenden Zusammenlebens, auf das Gemeinsame, das Kraft und Zuversicht spendet.

Aber das Generationenproblem besteht: Auf der einen Seite die immer größer werdende Anzahl derer, die auf die Leistungen des Sozialstaates (insbes. Renten und Krankenabsicherung) angewiesen sind (und darauf zurecht Anspruch haben). Auf der anderen Seite die jungen Generationen, die wirtschaftlich schlicht nicht stark genug sind, um die Sozialkassen zu erhalten. Nicht nur haben sie es mit wirtschaftlich enorm unsicheren Verhältnissen zu tun (Globalisierung, Rationalisierung, Übergang von der Industrie- in die Wissensgesellschaft, etc.). Zu allem Übel wurden und werden Ihnen auch noch Steine in den Weg gelegt: soziale und wirtschaftliche Missstände wurden (und werden) nicht korrigiert, deren Folgen die Jungen jetzt auszubaden haben: eklatante Bildungsprobleme, kinder- und familienfeindliche Zustände, ein Deutschland mit einer der niedrigsten Geburtenraten in ganz Europa.

Zu allem Überfluss nimmt man ihnen jetzt noch die Schaufel namens “Bildung” und “Chancengleichheit”, die einzige, mit der sie überhaupt befähigt würden, den Schuldenberg jemals abzutragen und die Sozialsysteme in ihrer jetzigen Form bestmöglich zu erhalten (die schöne Schaufel-Metapher entstammt  dem Spiegel).

Die politisch Verantwortlichen in Berlin und den Landeshauptstädten suggerieren mit Ihrer Haltung: Die jungen Generationen sind uns egal. Kinder und Bildung sind Luxus, wir können sie uns nicht leisten. Doch damit drücken Sie indirekt und paradoxerweise auch aus: Die älteren Generationen sind uns egal. Denn ohne den Generationenvertrag haben auch die Rentner bald nicht mehr als ihren dann archaisch anmutenden Namen, denn von der Rente wird nicht viel übrig bleiben (von der Kranken- und Pflegeversicherung ganz zu schweigen).

Was Deutschland braucht, ist eine konsequente Ausrichtung der Politik auf das System Familie, auf die Generationen von morgen, denn eine bessere Absicherung im Alter kann und wird es nicht geben. Die skandinavischen Länder machen es uns doch vor, warum aber hat Deutschland es nicht nötig, sich den einen oder anderen politischen Zug (wenn auch in modifizierter Weise) abzuschauen?

Deutsche Politiker müssen endlich begreifen, dass Kinder kein Luxus sind, dass eine Investition in Bildung und Familie die beste Investition in die (auch nahe) Zukunft unseres Landes darstellt. Und sie müssen ihrer Einsicht endlich Taten folgen lassen, anstatt sich nur um ihre eigenen Wählerstimmen zu sorgen. Sparpotential gibt es noch genug – allen voran in der wahnwitzigen Idee des Bildungs-Föderalismus. Der Politiker, der mit der jetzigen familien- und kinderfeindlichen Politik rigoros aufzuräumen wagt, vielleicht auch zu Ungunsten seiner Wählerstimmen, wird Deutschland einen viel größeren Dienst erweisen, als alle Seehofers und Kochs dieses Landes.

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4 Kommentare zu “Kinder und Bildung – Luxus, auf den Deutschland verzichten kann?”

  1. Judith sagt:

    Unsere Politiker sind mehrheitlich nicht in dem Informationszeitalter angekommen, das sie zu regieren gedenken. Und wenn man sich mal anschaut, wie oft politische Entscheidungen völlig uninformiert und auf populistischem Nonsens basierend getroffen werden, wird einem erst richtig klar, wie schlecht es um die Bildung in unserem Land wirklich steht. Die, die daran wirklich etwas ändern könnten, fühlen sich glaube ich ganz wohl in ihrer elitären Luftblase. Das Ding mit Macht und Geld ist ja: Wenn es alle haben, ist es nichts mehr wert. Die wollen nicht “abgeben”. Auf die Politik zu warten, die Bildungssituation zu verbessern, ist vergeudete Zeit. Wir müssen Menschen für Bildung begeistern. Hier sind Eltern, Geschwister, Gemeinschaften, auch Lehrer, gefragt. Eine Mitschuld hat sicher auch die Tatsache, dass man heute noch Schulschwänzern und „Keine Ahnung Habern“ mit einer gewissen Sympathie entgegen tritt. Irgendwann in den letzten 40 Jahren ist es „cool“ geworden, dumm zu sein und zu bleiben. _Daran_ müssen wir arbeiten.

  2. Liebe Judith,
    vielen Dank für diesen kritischen Kommentar. Du sprichst da einen zentralen Schwachpunkt der Demokratie an: Die vom Volk gewählten Vertreter sollen die besten Entscheidungen für das Land treffen. Die besten Entscheidungen sind aber nicht immer die populärsten, so dass viele Politiker, die tatsächlich zum Wohle des Landes entscheiden, mit der “Abwahl” gestraft werden. Erst Jahre später erkennen wir dann oft, welch guten Dienst sie uns eigentlich erwiesen haben und schenken Ihnen den Dank und die Anerkennung, die sie verdienen. Ist dies nun ein Fehler der Politik, der Wähler oder des Systems?

    Zum zweiten Problem: Ich glaube, es ist ein typisch deutsches Phänomen der Neuzeit zu glauben, den Schwächeren sei damit das Beste getan, indem wir ihrer Situation enorm viel Verständnis und Empathie entgegen brächten. Damit aber bekräftigen wir sie in ihrer Situation anstatt sie zu motivieren, sich aus Ihrer Lage selbst zu befreien. In der Hinsicht stimme ich dir voll und ganz zu.

  3. Martha sagt:

    Manchmal fragt man sich, inwieweit die Politiker überhaupt gebildet sind. Bei manchen Entscheidungen geht Politik komplett an die Realität vorbei. Man merkt dann, dass sie in einer völlig anderen Welt leben. Ihre Kinder und ihre Eltern sind doch sicherlich gut versorgt, sonst würden sie nicht so reden. Sie erkennen die Probleme nicht, weil es sie selbst nicht betrifft.

    Dabei ist es doch Beruf des Politikers, dass er egoistische Eigeninteressen nach hinten stellt und für die Gemeinschaft kämpft. Solange wir es denen nicht bewusst machen können, wird sich nix ändern.

  4. Frank sagt:

    Zum Schuldenberg soviel. Natürlich tragen den sogenannten Schuldenberg nur die ab deren Eltern beispielsweise keine Staatsanleihen (oder sonstige Wertpapiere) erwerben können. Die Schulden sind also schichtspezifisch zu betrachten. Also alles wie gehabt der Reichtum der Eliten steigt die Armut des eigentlichen Staatssouverän ( Bürger) ebenso. Systembedingte Faktoren sind leider unveränderbar das System abschaffen jedoch möglich ;-) .

    Grüße

    Frank

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